Proteus


Proteo Sagrado 1

Wahrscheinlich dachten die Eltern des Commissario Laurenti in Salerno einst an Protheus, die antike Gottheit, als sie ihrem Sohn den Namen Proteo gaben. Ungreifbar für alle Gegner zu sein, kann man einem Kind vermutlich nur wünschen. Sie konnten nicht wissen, dass er später einmal einen Beruf ergreifen würde, in dem er andere fassen musste, und noch weniger konnten sie sich ausmalen, dass der Name Proteo hier ganz anders aufgefasst wird, denn eine hunderttausendjahre alte Spezies lebt in den unterirdischen Flussläufen, die sich unter dem Karst ziehen, und dessen wissenschaftlicher Name Proteus Anguinus Laurentii lautet. Einer lebt im Abgrund, der andere schürft im Abgrund (Timavo)


»Ach ja, Papà, da fällt mir auch eine ein.« Marcos Augen blitzten frech. »Du heißt doch Proteo Laurenti, wenn ich nicht irre, Papà? Nicht wahr? Ist doch so? Fast genauso wie die kleinen weißen Tierchen: Proteus Anguinus Laurenti. Oder?«
Laurenti nickte gequält. Es war lange her, daß sie ihn das letzte Mal damit aufgezogen hatten. »Ja und?«
»Also da habe ich eine super Geschichte gehört, die man in Slowenien in langen kalten Winternächten den kleinen Kindern erzählt.«
»Okay, da lebte also mal ein schlangenartiges, weißes und blindes Wassertierchen in einem unterirdischen Fluß in der Nähe einer Quelle. Das war natürlich im Karst. Die Bewoh- ner des nahe gelegenen Dorfes mieden es, aber ein kleiner Junge hatte keine Angst und wurde sein bester Freund. Sie spielten und schwammen zusammen in der tiefen, dunklen Grotte.
Nach vielen, vielen Jahren kam eine Räuberbande ins Dorf und drohte, es mit Feuer und Schwert zu vernichten. Der Junge, inzwischen längst erwachsen, rannte also in- stinktiv zu der Höhle und kam zurück mit einem feuerspei- enden, schnaubenden Drachen mit glühenden Augen, der die Bösewichte vertrieb.
Das kleine weiße Tierchen war nämlich in der Zwischenzeit ein Drache geworden. Aber es hatte den kleinen Jungen von früher nicht vergessen. Und von da an wurde das Ungetüm von den Bewohnern verehrt, und kein Bandit traute sich mehr, sich dem Dorf in böser Absicht zu nähern.«

Zu viele hatten ihre Scherze über die Namensgleichheit mit dem farblosen, blinden Tierchen gemacht, dessen Spezie seit Hunderttausenden von Jahren die unterirdischen Wasserläufe des Karsts bevölkerte. Er selbst kannte es nur von Fotografien, obwohl ihn einmal ein Freund zu einer Exkursion in die riesige Grotte von Trebiciano eingeladen hatte, die nur für Forscher zugänglich war. Nach einstündigem Abstieg über wacklige Eisenleitern waren sie zwar auf den unterirdischen Wasserlauf des Timavo gestoßen, doch das einzige, was sie gesehen hatten, war eine verirrte Forelle gewesen.


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